Kriminalität und Vorurteile in Brasilien

Von jedem hört man, wie gefährlich Brasilien doch sei, vor allem Rio de Janeiro. Freunde und Familie machen sich Sorgen, würden einen am liebsten vom Reisen in die Region abhalten. In den Nachrichten und auf Social Media hört man Geschichten von höchster Kriminalität, von Gewalt und Drogen. Normalerweise lasse ich mich von Menschen in meinem Umfeld nicht so schnell aus der Fassung bringen. Ich weiß, dass meine Familie manchmal mehr besorgt um mich ist, je nachdem wohin ich reise. Doch ich weiß auch, dass die Medien die Welt verzerrt darstellen. Diese Bilder und Meinungen prägen sich in den Köpfen der Menschen ein. Von denen, die mir sagen, ich solle besonders vorsichtig sein, da eine Stadt oder ein Land so gefährlich sei, war 99 % noch nie vor Ort. Alles, was sie meinen von den Orten zu wissen, kommt aus den Medien.

In allen Fällen bisher habe ich so gut wie das genaue Gegenteil erlebt. Mexiko hat sich mir als wunderschönes Reiseland erwiesen, mit besonders herzlichen und gastfreundlichen Bewohnern. An keiner Stelle habe ich mich wirklich unsicher oder in Gefahr gefühlt. Mit Ausnahme von der unzumutbaren Ruckelpiste bergab vom Vulkan mit dem Motorrad – aber das war Angst einer ganz anderen Art.

Meine Ankunft in Rio de Janeiro

Ähnlich, aber dennoch etwas anders, war es bei Rio de Janeiro. Noch am Tag vor der Abreise warnten mich meine Eltern, doch bitte vorsichtig zu sein. Ich konnte hinaushören, dass ihnen mulmig zumute war. Ich bin durchaus dankbar, dass sie mich trotzdem meinen Weg gehen lassen und ihre Besorgnis weitestgehend im Hintergrund behalten. Natürlich habe ich ihnen versichert, dass ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe – mit Vorsicht und Achtsamkeit wie in jeder großen Stadt. Allzu beunruhigt war ich selbst nicht. Als wir dann mit dem Bus im Straßenchaos feststeckten, hatte ich dann aber doch einen kleinen Kulturschock. Die vorherigen 4 Wochen haben wir nur auf Farmland, einige Kilometer entfernt von kleineren Örtchen, verbracht. Mal wieder in einer Großstadt zu sein – mit so vielen Eindrücken, Autos, Hochhäusern und Menschen – war ein wenig überwältigend zu Beginn.

Als wir in unserer Unterkunft in Santa Teresa ankamen, war alle Besorgnis vergessen. Um uns herum gab es nur eins: Party und gute Laune. Den ganzen Tag und die ganze Nacht lang wurden wir mit Live-Musik beschallt, die aus den vielen Restaurants und Bars klang. Die Brasilianer (und Touristen) scheinen es zu lieben, abends auszugehen, sich einen Drink zu gönnen und die Gesellschaft zu genießen. So viel also zur Kriminalität.

Ich beim Trinken des brasilianischen Nationalgetränks
Eine typische Bar in Rio de Janeiro

Das Beeindruckende an Rio de Janeiro

Am nächsten Tag haben wir uns auf Erkundungstour in Richtung Meeresufer begeben. An jeder Ecke staunten wir, selbst über ganz kleine Dinge. Die Lebensweise der Brasilianer ist einfach toll. An jeder Straßenmauer ist Kunst zu sehen, fröhliche Musik klingt aus den Häusern und die landschaftliche Umgebung ist atemberaubend. Befanden wir uns kurz vorher noch nahe dem Regenwald in den Bergen, waren wir kurze Zeit später schon zwischen einigen Häuserreihen hindurch am Strand mit Ausblick auf die umliegenden steilen Berge, die aus dem Wasser und Dschungel herausragen. An der Strandpromenade sieht man so ziemlich jeden. Und jeder ist aktiv. Leute jedes Alters, jedes Körperbaus und unzähliger Ethnien halten sich fit. Ich habe noch nie so viele Läufer in so kurzer Zeit gesehen. Noch so viele Beachvolleyball-, Fußball-, Basketball- oder Tennisplätze auf einem Fleck.

Rio de Janeiro von oben
Ausblick auf Rio de Janeiro von Christo Redentor

Gefahren einer Favela?

Am Abend im Licht der Dämmerung ging es von der Christusstatue zurück zu unserer Unterkunft in Santa Teresa. Da wir kein Internet unterwegs hatten, orientierten wir uns an Google Maps offline und suchten uns unseren Weg. Das bedeutete, den letzten Teil des Weges einen Berg durch verwinkelte Häuserreihen zu besteigen. Zu der Zeit war es bereits ziemlich dunkel, die Sonne war schon untergegangen. Ziemlich augenblicklich spürte ich eine Veränderung in der Atmosphäre. Ich bemerkte, dass wir in eine ärmere Gegend kamen und diese wohl als Favela galt. Sofort veränderte sich mein Gemütszustand und mir wurde unbehaglich zumute. Ich wurde nervös und versuchte auf alles um mich herum Acht zu geben. In meinem Kopf hoffte ich die ganze Zeit, dass nichts passieren würde, während mir die Geschichten durch den Kopf gingen. Geschichten, die ich in den Medien gehört hatte und Geschichten von anderen Reisenden, die von Einheimischen von den Straßen gezogen wurden, weil es nicht sicher sei, sich als Tourist dort zu bewegen.

Mein Freund könnte auf den ersten Blick in das brasilianische Raster passen, doch mir ist schnell anzusehen, dass ich fremd im Land bin. Das hat mich schon öfter in unbehagliche Situationen gebracht. Nach einigen Minuten bemerkte ich allerdings, dass sich meine Befürchtungen nicht bewahrheiten sollten, denn die Realität sah ganz anders aus. Kinder spielten fröhlich auf einem Fußballplatz, junge Frauen spazierten gut gelaunt an uns vorbei, an der Straße saßen ein paar Leute mit einem Drink von einer simplen Bar und die Aussicht auf die Stadt unter uns war wunderschön. Ich merkte, dass ich mich zu sehr von außen habe beeinflussen lassen und meine Nervosität unbegründet war. Es mag sein, dass andere Favelas sich in einem anderen Licht zeigen, doch trotzdem sollte man nicht unerfahren zu schnelle Schlüsse ziehen.

Blick durch eine Gasse, dahinter bunte Häuser und Meer
Auf und Ab in den Gassen Rio de Janeiros

Die Touristenperspektive auf Brasilien

Als wir über den Berg waren und auf der anderen Seite hinunter Richtung unserer Unterkunft gingen, stießen wir auf eine kleine Party auf der Straße. Aus der Masse kam ein Paar auf uns zu, um uns nach dem Weg zu einem Restaurant zu fragen. Auf Google Maps sah ich, dass es den Berg hinauf lag, den wir gerade hinuntergekommen waren. Wir halfen ihnen also aus, den Weg zu finden und führten einen kleinen Small Talk. Als es hieß, sie müssten den dunklen Berg hinauf, fragte die Frau direkt besorgt, ob es dort denn sicher sei, alleine zu laufen. Wir meinten, ja, denn schließlich kamen wir unversehrt von genau dort her. Das konnte sie allerdings nicht ganz überzeugen. Sie erwiderte nur: „Ja gut, ihr seid aber auch Brasilianer …“ Das brachte mich zum Schmunzeln. Mein Portugiesisch war wohl etwas besser geworden, sodass ich schon als heimisch gesehen wurde.

Das Paar machte sich schließlich an den Aufstieg und wir gingen das letzte Stück bergab in unser Viertel. Die Party-Szene war in vollem Gange und stand in starkem Kontrast zu der ruhigen, fast menschenleeren Favela, die wir gerade durchquert hatten. Die sozialen Unterschiede sind so stark zu spüren und zu sehen und das auf so kleinem Raum. Nur ein paar Meter und eine Hügelkuppe trennen arm von reich. Doch trotzdem möchte ich mich in Zukunft nicht zu sehr von einseitigen Meinungen trügen lassen und mir lieber selbst ein Urteil zu meiner Reiseregion und Umgebung bilden. Dafür bin ich schließlich auf Reisen – um genau diese Erkenntnisse mit nach Hause zu nehmen und zu teilen.

Hast du Lust, dir selbst einen Eindruck von Brasilien zu machen? Lies weiter in meinem Artikel zu Rio de Janeiro und erfahre, was dich in der Metropole erwartet!

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